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Faszination ultra-distance cycling

780km und 15.000hm auf dem Gravelbike. An einem Stück und ohne Hilfe, ohne Schatten und im Fall des diesjährigen Siegers Seb Breuer sogar ohne Schlaf. Genau das ist Badlands und genau darauf fahren Leute aktuell ab. Wie solche Rennen funktionieren und was Sebs beste Tipps für ein gelungenes Abenteuer sind, lest ihr hier.

43h und 40min. Das ist die absolut irre und unvorstellbare Zeit, die Sebastian „Seb“ Breuer für die 2022er-Auflage des Badland-Events benötigt hat. Das Bikepacking-Rennen in Andalusien führt 780km und 15.000hm weit durch Europas wenige offizielle Wüsten, und übertragen heißt das: einmal quer durch Deutschland oder zweimal den Mount Everest hoch in unter zwei Tagen. Verrückt! Während dieser Zeit hat Seb gerade einmal 117min lang nicht in die Pedale getreten, die restlichen 2.503min hat er auf seinem Rose-Gravelbike verbracht und sich bis über seine Grenzen hinaus durch die spanischen Wüsten gequält. Wir haben für dich nicht nur zusammengestellt, auf was man bei einer solchen Tour de Force achten muss, sondern auch zu jedem einzelnen Punkt in diesem Artikel Sebs Meinung eingeholt. Starten wir mit der Frage, die vermutlich gerade in allen Köpfen am dringlichsten ist: Lieber Seb, woher kommen diese Motivation und der unbändige Wille, die geschundenen Beine bis zur Oberkante mit Laktat zu füllen?

Ich liebe den Sport und die Herausforderung. Badlands war für 365 Tage mein großes Ziel. Da knickst du nicht ein, auch wenn es mal weh tut ...

Die besten Tipps

Mit dem richtigen Equipment an die Startlinie

Auch wenn dich das schnellste Bike und das beste Equipment nicht automatisch aufs Podium bringen, so kann dich eine schlecht gewählte Ausrüstung ganz sicher davon abhalten, um den ersten Platz mitzufahren. Ganz wichtig: Du solltest zu 100% mit deinem Material vertraut sein und nicht kurz vor dem Rennen oder gar während des Events neue Sachen ausprobieren. Halt dich lieber an das Motto “Never change a running system”. Bei Rad und Ausrüstung solltest du im Vorfeld einen guten Kompromiss aus hoher Robustheit und geringem Gewicht anstreben. Die leichtesten Reifen bringen dir nichts, wenn du alle 20km einen Plattfuß hast. Auf der anderen Seite zieht dir bei einem Rennen mit mehr als 15.000hm jedes Extra-Kilogramm den Saft aus den sowieso schon müden Beinen.

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Es gibt natürlich auch kleine Extras, die auf der technischen Seite nicht unbedingt notwendig wären, damit dein Bike die Ziellinie überquert. Viele Leute sieht man auf der Strecke z.B. mit Kopfhörern im Ohr. Das hält auf langen und einsamen Passagen das Gemüt bei Laune und kann an einem zähen Anstieg ungeahnte Kräfte mobilisieren. Aber auch kleine Muntermacher haben schon so manchen vor dem Aufgeben gerettet. Wie sieht es denn bei dir aus, Seb? Welches Equipment würdest du nach deinen Erfahrungen in diesem Jahr immer wieder mitschleppen und auf was könntet du beim nächsten Mal verzichten?

Verzichten würde ich auf das Garmin-Ladekabel – der Akku hält lange genug. Mitnehmen würde ich auf jeden Fall mein Essen und Trinken, speziell die gesalzenen Nüsse.

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Die Regeln und Voraussetzungen für ein Ultradistanzrennen

Weniger ist mehr

Ultra-Distance-Cycling-Events wie das Badlands unterscheiden sich vor allem in einem Punkt von großen Radrennen wie der Tour de France oder dem Race Across America: Sie basieren komplett auf dem Selbstversorgerprinzip. Es gibt also weder Support-Cars noch Verpflegungsstationen oder organisierte Renn-Teams. Wer teilnimmt, muss sich alleine um Essen, Trinken, Unterkünfte und Reparaturen kümmern und darf dafür auf sämtliche kommerzielle Quellen wie Supermärkte, Fahrradläden etc. zurückgreifen, auf die auch alle anderen während des Rennens Zugriff haben. Wenn es ungemütlich wird, holt niemand einen ab. Wenn man verloren geht, muss man selbst wieder einen Weg zurückfinden. Die einzige Unterstützung von außerhalb, die während des Bikens erlaubt ist, wird liebevoll auch Trail-Magic genannt. Es ist in der Regel okay, wenn die Fahrenden während des Rennens durch nette Gesten und motivierende Zurufe gepusht werden, solange das Bike nicht durch physische Kräfte aktiv dem Ziel nähergebracht wird.

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Von Seb wissen wir, dass die Suche nach einem Schlafplatz zumindest bei ihm kein Problem gewesen ist – laut seinem GPS-Tracker ist er ja nur zum Essen und Pinkeln vom Bike gestiegen. Aber fragen wir noch mal direkt nach: Gab es schon mal Schwierigkeiten für dich, Nahrung zu finden, oder gibt es das Problem mit einer guten Vorausplanung erst gar nicht? Wie sieht so eine Verpflegung während eines Rennens aus? Nimmt man, was man findet, oder gibt es trotzdem so etwas wie einen Ernährungsplan?

Ich hatte alles gut geplant, also wusste ich, dass es in den langen Wüstensektionen schwierig wird und dass es auch nachts kaum bis gar keine Möglichkeit zum Refill gibt. Ich weiß ungefähr, was ich bei einer solchen Belastung brauche. Zucker ist in dem Fall der beste Treibstoff. Also kurz gesagt: Cola und Snickers. Sicher eine Nahrung, die ich im "normalen" Leben nie zu mir nehme.

#leavenotrace. Und gib dabei immer auf dich acht.

Ein Grundsatz bei der Teilnahme an einem self-supporteten Bike-Rennen ist das Prinzip Leavenotrace, das sich auch für viele andere Lebensbereiche adaptieren lässt. Handel friedlich, im Einklang mit der Natur, hinterlass keinen Müll und bau keinen Scheiß. Leider gibt es immer wieder Negativbeispiele, weshalb diese Regeln überhaupt erwähnt werden müssen. Außerdem wichtig: Auch wenn für viele der Renngedanke ein entscheidender Faktor dabei ist, über sich selbst hinauszuwachsen und Höchstleistungen abzurufen, so sollte die eigene Sicherheit stets an erster Stelle stehen. Die Teilnehmenden sind oftmals völlig übermüdet, dabei in unbekanntem Terrain unterwegs, durch stundenlanges Fahren bei hohen Temperaturen gefährlich dehydriert und das Rennen bringt sowohl Mensch als auch Material ans Limit – und darüber hinaus. Allein 2017 sind drei Personen bei Ultradistanzrennen tödlich verunglückt. Wer die Startlinie überquert, schafft es nicht zwangsläufig auch über das Pendant im Ziel – es ist nicht ungewöhnlich, wenn nur die Hälfte finisht. Man sollte sich also vor der Teilnahme an einem solchen Event sicher sein, dass es sowohl der Körper als auch die Seele ins Ziel schaffen. Seb, was war für dich bisher die größte mentale Herausforderung bei einem Ultra-Distance-Rennen? Gab es die vorher, währenddessen oder fällt man eher danach in ein Loch?

Die letzten 100km waren die größte Herausforderung. Es ging eigentlich nur noch bergauf und man hat das Ziel schon zwei Stunden vor Augen, nimmt aber noch mal jeden Anstieg der Region mit …

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Auf fester Route oder per Komoot durch die Wildnis?

Last but not least: Ultra-Distance-Cycling-Events sind keine Etappenrennen. Die Uhr bleibt nach dem Start nicht mehr stehen und man kann es sich im Prinzip auch als ein sehr langes individuelles Einzelzeitfahren vorstellen. Schummeln ist natürlich nicht erlaubt, wobei es im Vergleich zu anderen Rennen keine 100-prozentige Sicherheit für absolute Fairness gibt. Es wird auf die Ehrlichkeit aller Beteiligten gesetzt und bewusst auf ein Preisgeld verzichtet, um kriminellen Gedanken den Nährstoff zum Wachsen zu nehmen. Bezüglich der Routenführung gibt es bei den Selbstversorger-Events große Unterschiede. Bei manchen Rennen gibt das Veranstaltungsteam die komplette Route und jeden gefahrenen Meter vor, bei anderen können Wagemutige selbst entscheiden, wie sie ihre Strecke gestalten, und müssen nur ein paar bestimmte Orte bzw. Checkpoints ansteuern. Was ist dein Favorit, Seb, und was sind die Vor- und Nachteile des jeweiligen Konzepts?

Ich bin kein Profi und arbeite zu 100%. Das bedeutet, dass mein Zeitpensum sehr begrenzt ist. Wenn du dann noch viel Zeit in die Routenplanung wie z.B. beim TCR (Anm. d. Red.: Transcontinental Race) stecken musst, ist es einfach zu viel und zu stressig. Ich mag es, vorgegebene Routen, die landschaftlich meistens auch deutlich schöner sind, zu studieren und Möglichkeiten zu überlegen. Tools wie Komoot funktionieren gut, haben aber auch noch ein hohes Risiko an Fehlern.

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Die Top 5 der bekanntesten Ultradistanzrennen

Rennen über große Distanzen sind so alt wie das Fahrradfahren selbst und so gibt es bereits seit langer Zeit Brevets und andere Veranstaltungen, bei denen man auf seinem Zweirad teilweise sogar mehrere Länder durchquert und komplett auf sich allein gestellt ist. Mit der stetig wachsenden Popularität von Gravelbikes und Bikepacking-Trips ist auch die Nachfrage nach den dazu passenden Events gestiegen – im Folgenden stellen wir dir die fünf bekanntesten kurz vor.

Atlas Mountain Race (AMR)

Austragungsort: Marokko | Streckenlänge: 1.167km mit 23.174hm

Das AMR führt durch die wunderschöne, aber sehr herausfordernde Landschaft von Marokko. Die festgelegte Route wird entweder solo oder im Zweierteam in Angriff genommen und führt größtenteils über nicht asphaltierte Gravel-Pisten. Je nach Skill-Level muss man manche Abschnitte aber auch schiebend absolvieren und laut Veranstaltungsteam hätten sich im Anschluss an das AMR viele Leute mit Gravelbike ein Mountainbike gewünscht – jedoch hätte niemand sein Mountainbike gegen eins mit Dropbar-Lenker getauscht. Für viele die perfekte Wahl: ein 29“-Hardtail mit einer Reifenbreite ab 2,0“ und einer niedrigen Übersetzung. Wer sich für das Atlas Mountain Race anmeldet, muss für alles gewappnet sein. Die Temperatur kann von zerstörerischen 40°C am Tag auf -15°C in der Nacht fallen, was die Wahl des richtigen Equipments zur nächsten Herausforderung macht. Aber wie hat die Legende Mike Hall so schön gesagt? "Nothing that’s worth anything is ever easy.”

Badlands

Austragungsort: Andalusien/Spanien | Streckenlänge: 780km mit 15.000hm

Das eingangs erwähnte Badlands ist ein noch sehr junger Vertreter der Ultra-Distance-Cycling-Events und präsentiert auf einer festgelegten Route die abwechslungsreiche und atemberaubende Landschaft Andalusiens. Sowohl die Teilnahme als Einzelperson als auch das gemeinsame Absolvieren im Zweierteam ist kein Problem. Zweiteres ist vor allem für Unerfahrene im Self-supported-Race-Zirkus empfehlenswert. Das Badlands ist ein typisches Gravelbike-Bikepacking-Rennen und so finden sich beim Stöbern durch die Liste der angemeldeten Bikes fast ausnahmslos Räder mit Rennradlenker, oftmals sogar noch mit Aero-Lenkeraufsatz. Wer das Rennen erfolgreich absolviert, rät übrigens in der Regel dazu, keine Reifen zu montieren, die schmaler als 40mm sind. Seb, hast du nach deiner mehr als erfolgreichen Badlands-Teilnahme neben den Vorbereitungs- und Streckeninfos noch weitere Tipps für uns?

Puh, es gibt so viel, was man beachten sollte! Ich glaube, am wichtigsten ist ein gutes Pacing. Entweder nach Gefühl oder in meinem Fall nach Wattangabe/Vorgabe.

Transcontinental Race (TCR)

Austragungsort: Europa | Streckenlänge: 3.200–4.200km mit 30.000 bis 45.000hm

Das TCR spielt mit einer Länge von mehr als 3.000km in einer Liga mit der Tour de France und ist damit ein echter Brocken. Im Vergleich zu den beiden vorherigen Rennen kann man sich beim TCR die Route selbst zusammenbasteln und muss nur bestimmte Kontrollpunkte passieren. Logischerweise greifen die meisten dabei auf ein Rennrad zurück und fahren größtenteils über asphaltierte Straßen – Windschattenfahren ist untersagt. Die Allerschnellsten benötigen für die Strecke gerade mal 7 bis 10 Tage. Wer bei der Finisher-Party dabei sein möchte, muss am 15. oder 16. Tag das Ziel erreichen und im Schnitt 250km pro Tag zurücklegen. Definitiv kein Zuckerschlecken!

Trans Am Bike Race (TABR)

Austragungsort: USA | Streckenlänge: 6.800km

6.800km in 16 Tagen. Was sich schon in der Theorie wie reiner Irrsinn anhört, ist in der Praxis der komplette Wahnsinn. Schließlich sprechen wir über eine Distanz, die viele nicht mal im ganzen Jahr auf dem Bike zurücklegen, geschweige denn am Stück. Was soll da schon schiefgehen? Das TABR folgt dabei der Route des TransAmerica Bicycle Trails und wird auf asphaltierten Straßen zurückgelegt. Dementsprechend sind die Ultradistanz-Verrückten auf Rennrädern unterwegs und versuchen, mit einem absoluten Minimum an Gepäck auszukommen. Wer sich für das TABR interessiert, aber nicht direkt das Ticket für eine dreiwöchige Tour des Leidens buchen will, kann sich das Ganze auch einfach am Bildschirm anschauen – hier geht es zur Sofa-Version Inspired to Ride.

Tour Divide

Austragungsort: Rocky Mountains/Kanada | Streckenlänge: 4.440km

Die Tour Divide ist DAS Self-supported-Event überhaupt und wurde bereits 2008 erstmals ausgetragen. Auf 4.400km geht es einmal quer durch die Rocky Mountains. Das Rennrad sollte man dabei besser zu Hause lassen, da die Strecken unterschiedlichster Natur sind. Auch wenn die Tour Divide ursprünglich als Mountainbike-Rennen konzipiert war, finden sich heutzutage auf der Strecke dank großzügiger Reifenfreiheit, abfahrtslastiger Geometrien und Komfort-spendender Federelemente auch viele Gravelbikes. Nirgendwo sonst ist die Gefahr von technischen Defekten, Verletzungen, schlechtem Wetter mit plötzlich einsetzendem Schneefall oder gar dem Besuch von Bären größer als bei der Tour Divide.

Fazit

Du siehst also: Es gibt eine große Spanne an verschiedenen Ultradistanzrennen und es sollte für jeden Fahrtyp was dabei sein – egal ob man sich auf dem Rennrad, dem Gravelbike oder dem Mountainbike am wohlsten fühlt. Es gibt viele Punkte, auf die man achten sollte und eine Anmeldung muss gut überlegt sein. Damit sind wir auch schon bei der letzten Frage an den diesjährigen Badlands-Gewinner angekommen: Seb, gibt es ganz generell noch einen Tipp, den du allen an die Hand geben möchtest, die sich für ein Self-supported-Event anmelden möchten?

Geh’s locker an! Ohne Erfahrung ist es anfangs immer Trial-and-Error. Ich lerne jedes Mal neue und teils verrückte Dinge. Da stresse ich mich nicht mehr.

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